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Neue Zürcher Zeitung, 23. Juni 2003
Freizeit als MusenzeitKonzerte des Akademischen Orchesters und des Akademischen ChorsVon Thomas Schacher Wer an der Universität Zürich oder an der ETH studiert und seine Freude an klassischer Musik ausleben will, dem bieten sich mit dem Akademischen Orchester und dem Akademischen Chor zwei attraktive Vereinigungen an. Auf die Beliebtheit der beiden Klangkörper weisen schon die Mitgliederzahlen hin: 120 Singbegeisterte zählt der Akademische Chor, 100 Instrumentalisten, die vorher ein Probespiel bestehen müssen, wirken im Akademischen Orchester mit. Freude, Engagement und Leistung heisst die Devise. Was dabei nach der regelmässigen Probenarbeit eines Semesters als Resultat herausschaut, haben die beiden Ensembles schon im Februar gezeigt. Aus Anlass des 20-jährigen Wirkens von AOZ-Dirigent Johannes Schlaefli wagten Chor und Orchester den Griff zu den Sternen und führten zusammen in der Zürcher Tonhalle Gustav Mahlers «Auferstehungssinfonie» auf. Zum Abschluss des Sommersemesters haben nun die beiden akademischen Vereinigungen die Früchte ihrer Arbeit in getrennten Konzerten vorgestellt. Das Akademische Orchester startete seine kleine Tournee an der Rudolf-Steiner-Schule in Wetzikon. Die als Hauptstück vorgetragene Zehnte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, die sogenannte «Stalin-Sinfonie», kam den Bedürfnissen dieses Klangkörpers auf das Beste entgegen: eine grosse Besetzung, eine reiche Ausdruckspalette und ein programmatischer Hintergrund. Johannes Schlaefli stellte einmal mehr seine Motivationskraft und seinen partnerschaftlichen Führungsstil unter Beweis. Intonierten die Streicherbässe zu Beginn des ersten Satzes noch nicht makellos, so steigerte sich der Streicherklang in der Fortsetzung zu schöner Homogenität und zu verzehrender Glut. Auf anspruchsvollem Niveau bewegten sich die Bläser, die mit zahlreichen Soli und solistischen Gruppen hervortraten. Der Dirigent verpasste jedem Satz ein eigenes Gepräge: Martialisch kam das Scherzo daher, während sich beim dritten Satz Gespenstisches, Trauer und Auflehnung in irritierender Weise ablösten. Ein Ereignis der Spitzenklasse war zuvor der Auftritt der jungen Geigerin Ina Dimitrova im Violinkonzert von Jean Sibelius. Die bulgarische Künstlerin, die Dozentin an der Musikhochschule Luzern ist, begeisterte als konzentrierte Persönlichkeit und Virtuosin mit phantastischer Spieltechnik und enormer Klangfülle. Beim Akademischen Chor gibt es keine Aufnahmeprüfung. Manchmal melden sich für ein Projekt sogar mehr Singbegeisterte als erforderlich. Trotz einem Kern von langsemestrigen Mitgliedern besteht natürlich eine grosse Fluktuation. Für Anna Jelmorini, die den Chor seit vier Jahren leitet, stellt sich da die schwierige und kaum lösbare Aufgabe, eine stimmlich heterogene Masse innerhalb eines Semesters in einen homogenen Klangkörper zu verwandeln. Zu diesem Zweck bietet sie auch Stimmbildung an. Den grossen Zulauf erklärt sie sich mit den attraktiven Programmen, der Möglichkeit, von einem Sinfonieorchester begleitet zu werden, und der Gelegenheit, in der Tonhalle auftreten zu können. Bei den Programmen wechselt Jelmorini zwischen populären und weniger populären Werken ab. Die Kombination von Mozarts «Krönungsmesse» und Poulencs «Gloria» für das gegenwärtige Konzert hat sie ausgewählt, weil hier beide Komponisten in einer ähnlich optimistischen Art mit den geistlichen Texten umgehen. Die Aufführung in der Tonhalle zeigte ein respektables Resultat. In der als programmierte Zugabe gesungenen Motette «Ave verum corpus» von Mozart glänzte der Chor selbst im Pianissimo mit absolut reiner Intonation. Die Krönungsmesse geriet etwas wuchtig. Das lag einerseits an der grossen Sängerschar, andererseits auch an der Neuen Elbland-Philharmonie. Das Orchester aus Sachsen begleitete generell zu laut, und die Verstärkung des Chors durch drei modern mensurierte Posaunen wäre nicht nötig gewesen. Das dicke instrumentale Klangband verdeckte bisweilen auch den Gesang des Solistenquartetts. Die Sopranistin Tatjana Gazdik, die Altistin Ulrike Andersen, der Tenor Paolo Vignoli und der Bass Fabrice Raviola bevorzugten nämlich, wie vor allem das «Benedictus» zeigte, eine durchweg schlanke Interpretation. Poulencs «Gloria» erwies sich in jeder Beziehung als das dankbarere Werk. Hier konnte Anna Jelmorini beim Chor die ganze dynamische Bandbreite einfordern. Und der unterschiedliche Charakter der einzelnen Sätze gab Gelegenheit zu kontrastierender Darstellung. Schön verschmolzen die zarten Farbtöne der Solosopranistin und des Chors beim «Domine Deus», spritzig erklang das «Domine fili unigenite». Das Engagement stand den Sängern ins Gesicht geschrieben. |
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http://www.shima.ch/germany/04/kritik_tonhalle.php
© Marco Nef, 2012
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