Studium als Informatik-Ingenieur an der ETH Zürich

Nach ununterbrochenem Lernen während mehr als einem Jahr für das zweite Vordiplom brauchte ich nach dem endlich erfolgreichen zweiten Anlauf im Frühling 1999 dringend eine Pause vom Studium. Insgesamt 6 ½ Monate standen mir somit zur freien Verfügung und es galt, diese möglichst interessant zu gestalten. Kurz vor Weihnachten standen meine Pläne fest: Drei Monate obligatorisches Industrie-Praktikum, danach good bye und ab nach Kanada für einen Sprachaufenthalt in Vancouver.

Informatik-Kontaktparty

Jetzt musste ich also eine Praktikumsfirma finden. Nirgends ist das einfacher als an der alljährlichen, exzellent organisierten Informatik-Kontaktparty im Januar. Dank der umfangreichen Informationsbroschüre konnte ich mich bestens vorbereiten und suchte nur gerade mit drei Firmen das Gespräch. Eine davon war die Ernst Basler + Partner AG in Zollikon. Aufmerksam wurde ich auf diese Firma durch die Stichworte "Geo-Informationssysteme (ARC/INFO, ArcView, GeoMedia)" und "Geodatenserver (SDE)". Ich verstand dank allgemeinwissenbedingten Griechischkenntnissen nur gerade den Wortteil "Geo", was mir einen Hinweis auf Geographie gab. Das tönte in Anbetracht meines für das Fachstudium geplanten Nebenfachs "Videogrammetrie und Satellitenfernerkundung" und meines allgemeinen Interesses für Geographie äusserst interessant. Ein Gespräch mit den Herren Ingold und Jäger gab mir dann schnell einen Eindruck, was ich mir darunter vorzustellen hatte, und das klang äusserst interessant. Als ich dann auch noch erfuhr, wo sich Zollikon befindet und dass es mittels Fahrrad erreichbar ist, einigten wir uns bald auf das Praktikum.

Das Unternehmen

Die Ernst Basler + Partner AG (EBP) ist ein unabhängiges Beratungs-, Planungs- und Ingenieurunternehmen, das seit 1963 im In- und Ausland erfolgreich tätig ist. Schwerpunkte bilden die Themen Strategie- und Unternehmensberatung, Informatik, Umwelt, Sicherheit, Raum und Verkehr, Projektmanagement, Energie sowie Ingenieurbau. Diese vielseitige Mischung von rund 200 Wissenschaftlern wie Bauingenieuren, Umweltwissenschaftlern, Kulturingenieuren, Vermessungsingenieuren, Informatikern und auch Geographen ergibt ein äusserst interessantes Umfeld für eine allgemein interessierte Person und ermöglichte während meinem Praktikum viele lehrreiche, interdisziplinäre Gespräche, nicht nur am Mittagstisch, sondern auch während der Sitzungen für interne Projekte.

Querschnittsbereich Informatik

Die noch recht junge Informatikabteilung, Querschnittsbereich Informatik (QBI) genannt, ist organisatorisch dem Geschäftsbereich Sicherheit angegliedert, welcher im Bereich Risikomanagement tätig ist. Der QBI wiederum teilt sich in die zwei Tätigkeitsfelder Datenbanken und Geo-Informationssysteme (GIS). Beide sind sowohl mit firmeninternen wie auch externen Projekten beschäftigt.

Ich war hauptsächlich für die Datenbank-Gruppe tätig, kriegte aber dank einem ganz speziellen Projekt und Eigeninteresse auch noch einen Einblick in die GIS-Gruppe. Dank den wöchentlichen Geschäftsbereich-Sitzungen und dem ersten Projekt kriegte ich auch einen sehr guten Einblick in das Risikomanagement, worunter ich mir zuvor kaum etwas vorstellen konnte.

Jegliche Art von Sitzungen, ob organisatorische, informelle oder projektbezogene, waren für mich eine total neue Erfahrung und gaben mir eine Idee, wie eine Beratungsfirma im Ingenieurbereich organisatorisch funktioniert.

EBP-Risk

Das erste der Projekte, an welchen ich mitarbeiten konnte, war die Entwicklung einer für den internen Gebrauch bestimmten Datenbank-Applikation für das Risikomanagement in Spitälern. Ziele waren nicht nur das fertige Produkt, sondern vorallem auch die verschiedenen Phasen der Softwareentwicklung zu durchlaufen. Die Analyse/Design-Phase wurde unter Verwendung von Use-Cases in Zusammenarbeit mit dem Projektleiter durchgeführt. So konnte die spätere Implementation gezielt auf die Anforderungsprofile zugeschnitten werden. Die wichtigsten Forderungen waren eine intuitive Benutzerführung sowie eine vollständige Dokumentation.

Bei der Entwicklung dieser Applikation kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Microsoft Access respektive Visual Basic for Applications. Um die Mäglichkeiten dieser Programmiersprache zu erforschen, baute ich in dieses Programm auch verschiedene ActiveX-Controls ein, was zu eindrücklichen Ergebnissen führte, wann man bedenkt, dass dahinter ein interpretierter Basic-Code steckt.

IMSMA

Dieses Projekt möchte ich als das absolute Highlight während meinem Praktikum bezeichnen. Es handelt sich um die geographische Visualisierung von Daten aus einer Datenbank, welche weltweit in den Mine Action Centers der UNO eingesetzt werden soll (unterdessen eine Tatsache). Die Datenbank wurde an der ETH (Forschungsstelle für Sicherheitspolitik und Konfliktanalyse) entwickelt.

Der humanitäre Charakter dieser Applikation brachte den ersten Motivationsschub, ein zweiter wurde durch die Tatsache gegeben, dass in der Woche des Projektstartes der Krieg im Kosovo beendet wurde. Das bedeutete nämlich, dass die KFOR-Truppen der NATO die Applikation sofort für den Einsatz bei der Minensuche benötigten. Wie notwendig eine solche Unterstützung war, konnten wir tagtäglich aus den Medien erfahren. Zu dritt haben wir innerhalb einer Woche mit riesigem Effort die gewünschte Grundfunktionalität entwickelt. Zwei Wochen später wurde das Programm bereits in Prjstina eingesetzt. Ergänzungen der Funktionalität werden natürlich noch notwendig sein.

Mein Beitrag war eine Druckroutine, welche einen beliebigen Kartenausschnitt mit einstellbarem Massstab und einem Koordinatengitter drucken musste. Die verwendete Programmiersprache war Avenue, eine "objektorientierte" Skriptsprache, welche ich vorher noch nie gesehen hatte und welche auch ziemlich gewöhnungsbedürftig ist. Der Schwachpunkt dieser ArcView-internen Sprache ist, dass sie zwar objektorientiert ist, das wunderschöne Objektmodell durch den Programmierer jedoch nicht erweitert werden kann. Die bestehenden Klassen decken glücklicherweise eine sehr grosse Funktionalität ab, sodass fast alle Wünsche realisierbar sind.

Zusammenfassung

Ausserdem habe ich noch weitere Datenbanken entwickelt, welche alle tatsächlich benutzt werden, bei der Entwicklung einer Standard-Bibliothek für Access mitgeholfen und einen Einblick in den Betatest von ArcInfo8 bekommen. Eine vielgehörte Klage von Praktikanten, dass sie während dem Praktikum Applikationen entwickeln, welche nie verwendet werden, trifft also auf mein Praktikum überhaupt nicht zu. Im Gegenteil erfüllt mich ein gewisser Stolz, dass ich als Praktikant einer Firma Werkzeuge in die Hand geben konnte, welche derselben einen Nutzen bringen. Ich weiss, dass meine Arbeit geschätzt wurde. Für mein erfolgreiches Praktikum möchte ich meinen Betreuern und allen anderen Mitarbeitern der EBP herzlich danken.

Zum Schluss eine Ermutigung

Leider ist es so, dass in unserem Departement aus wirtschaftlich nicht nachvollziehbaren Gründen die Vordiplome eine (meiner Meinung nach) zu hohe Mauer darstellen. Wie so viele andere scheiterte ich beim ersten Anlauf, schaffte es aber dann glücklicherweise beim zweiten Mal, die Hürde zu überspringen. Nach vier Teilnahmen an Vordiplomen komme ich immer mehr zum Schluss, dass das Bestehen derselben zu einem grossen Teil reine Glücksache ist. Da stimmt es mich nochmals trauriger, dass einige meiner Kollegen nach teilweise vier Jahren für das Grundstudium ohne Bedenken einfach auf die Strasse abgeschoben wurden.

Das Wiederholen der Prüfungen war für mich beidemal ein riesiger Stress, weil man sich in dieser Situation damit auseinandersetzen muss, dass man sehr viel verlieren kann. Um mich zu erholen unterbrach ich im letzten Frühling das Studium für ein halbes Jahr und kann nachträglich sagen, dass dies die beste Tat meines Lebens war. Arbeiten empfand ich als Ferien, der nachfolgende Sommer im Outdoor-Paradies Vancouver war trotz Intensivkurs an einer Sprachschule sogar besser als Ferien. Ich empfehle jedem Studenten, es mir gleich zu tun, denn ich bin überzeugt, dass ein solches Halbjahr für das Leben viel mehr bringt als ein ganzes Studium an der engstirnigen, zielgerichteten ETH. Man sollte seinen Horizont erweitern, nicht einengen!

Weitere Informationen

Ernst Basler + Partner AG
Zollikerstrasse 65
8702 Zollikon

www.ebp.ch

 
Shima
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